10.12.2015

Ein Bündel erster Eindrücke

1. Zwischenbericht
Laptop mit aufgeklebten Punktschriftzeichen
Liebe Leserinnen und Leser,

heute kredenze ich Euch wieder einen deutschen Bericht, denn ich weiß natürlich, dass meine Leser*innen vor allem meine Freunde und Freundinnen aus Deutschland sind und Ihr seid mir das Schreiben sehr wert. Daher verzagt bitte nicht, wenn es ab und zu etwas auf Spanisch gibt. Ich vergesse Euch gewiss nicht!

Während unseres Aufenthalts sind wir verpflichtet, Quartalsberichte zu verfassen, die sowohl an unsere Organisation gehen, das Welthaus, als auch für unsere Spender*innen bestimmt sind. Da vor allem Ihr diese Spender*innen seid, erscheint es mir nur logisch, den Text hier einzustellen. Um diesen ersten Bericht soll es also heute gehen.

Es fiel mir sehr schwer bei den tausenden Eindrücken, die ich in den ersten drei Monaten gewonnen habe, eine sinnvolle Auswahl zu treffen. Mein letzter deutscher Bericht zeigt das nur zu deutlich. Egal mit welcher Idee ich begonnen hatte, immer wieder musste ich innehalten, weil jeder Gedanke eine Kette weiterer Überlegungen nach sich gezogen und den Text so ins Uferlose gezogen hätte. Daher ist das Ergebnis eine komprimierte (und dadurch etwas wirre Fassung) dessen, was mir zu Anfang am Bedeutensten erschien und das möchte ich Euch nicht vorenthalten. Hier also mein 1. Zwischenbericht:

Als einleitende Worte gibt es eigentlich nichts, was nicht schon hunderte Male gesagt und geschrieben wurde und doch bleibt es so wahr, dass auch ich nicht umhin komme, zu bestätigen, was Leser*innen womöglich für eine Plattitüde halten könnten: es ist unfassbar, wie das erste Viertel un­seres und meines einjährigen Mexikoaufenthalts vorbeigeflogen ist. Wäh­rend die ersten zwei Wochen noch die Konsistenz von Kaugummi hatten, flossen die letzten zweieinhalb Monate dahin wie eine zerborstene Flasche Mezcal.
So ist dieser erste Bericht eine sehr willkommene Gelegenheit, innezuhal­ten, das Leben hier zu entschleunigen und all das, was vor der Abreise war, nach der Ankunft passierte und während des Hierseins sein könnte, auf Erwartungen, Ziele und Gedanken hin zu reflektieren.

Arbeit und Mitarbeit im Projekt „Ángeles de Amor“
Meine Einsatzstelle Ángeles de Amor A.C. ist eine gemeinnützige Organi­sation, die sich der Aufgabe widmet, ein Bildungsangebot für erwachsene Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen zu schaffen und gleichzei­tig das Thema Leben mit Behinderung in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Struktur orientiert sich dabei an schulischen Abläufen. So ist der Arbeits­tag von 9-14 Uhr in unterschiedliche Angebotseinheiten eingeteilt, an dem etwa 15 Menschen unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Behin­derungen teilnehmen und wofür neben den festangestellten Lehrerinnen mehrmals die Woche zusätzlich verschiedene Experten für regelmäßige, spezialisierte Klassen zur Schule kommen. Daraus ergibt sich ein Gesamt­angebot, das Schreibunterricht, Kunst(-pädagogik), Sport, Physiotherapie, Kochen, Theater, Garten/Ökologie und wechselnde einmalige oder kurzzei­tige Einheiten umfasst, wobei letztere zumeist von den Spezialinteressen der hier arbeitenden internationalen Freiwilligen inspiriert sind und eingebracht werden; so beispielsweise eine Einführung in „Erste Hilfe“ oder wöchentliche Yoga-Stunden.

Um mich in die Arbeit einzufinden, erwiesen sich für mich drei Dinge als sinnvoll, wie sich in den ersten Wochen herauskristallisiert hat: das allge­meine Akklimatisieren in und an das Leben hier, das Setzen persönlicher Ziele für meinen Aufenthalt und die Eigeninitiative zu eigenen Angeboten.
Obwohl sich der Vergleich zu Deutschland und anderen europäischen Sys­temen verbietet, verlief vor allem das zu Anfang so automatisiert, dass es etwas Zeit und Anstrengung benötigte, um diesen Kategorienfilter abzule­gen. Mit jeder Woche gelang und gelingt dies besser, was spürbar mit mehr Zufriedenheit einhergeht, das Einleben begünstigt, den Weg zur per­sönlichen Zielsetzung geebnet und dies wiederum die Ideenfindung für ei­gene Angebote begünstigt und motiviert hat.
Neben der Unterstützung bei den täglichen Routinen konnte ich so bisher mehrere eigene Ideen einbringen, wie die mehrfache Durchführung der freitäglichen Kochklasse mit Rezepten aus Europa und einem Bastelange­bot zu St. Martin, das wegen der positiven Rückmeldung auf eine Woche ausgeweitet wurde. Die zahlreichen individuell gestalteten Laternen dienten bei einer anschließenden Veranstaltung als Dekoration einerseits und als Zeugnis der Arbeit der Einrichtung mit den Klienten andererseits; für mich eine wirklich schöne und motivierende Bestätigung für meine ers­ten Versuche, die zu weiteren Ideen und Umsetzungen führt und führen wird.

Das kommt mir (nicht mehr) spanisch vor?!
Mich in einer Sprache verlieren zu können, ist das positivste, was ich über eine solche äußern kann und so entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass auch beim Spracherwerb des Spanischen das Verlieren in ihr ein Ge­winn ist.
Nach vier Wochen Intensivkurs habe ich mich daher entschlossen, den Un­terricht einmal wöchentlich fortzuführen, da mir die Spanischlehrerinnen neben der Theorie der Grammatik und Übungs- und Reflexionsmöglichkei­ten auch aufschlussreiche Einblicke in die mexikanische Kultur gewähren und sich nie scheuen meinem Wunsch nach einem metasprachlichen Aus­tausch nachzukommen. Darin zeigt sich meine Neigung zum Theoretisie­ren und meine Schwerpunktsetzung auf Schriftliches, auch oder gerade dann, wenn ich mich in meiner Freizeit zusätzlich mit sprachlichen Spitz­findigkeiten beschäftige. Auch lautsprachlich sind natürlich einige Fort­schritte erkennbar, was sich für mich deutlich in einer Alltagserleichterung zeigt. Gerade dieser Bereich ist es aber, der noch am Ausbau bedürftigsten ist.

Behindert sein, behindert werden
Wer wissen möchte, wie behindert oder chronisch krank jemand „ist“, dem kann eine Reise die Möglichkeit bieten, viele Indizien für eine Antwort dar­auf zu finden. So lässt sich mein erster Eindruck von meinem Leben mit Behinderung in Mexiko zusammenfassen. Wie sehr ich bisher auf meine Bedarfe eingerichtet war und welche Bedarfe mir als solche gar nicht be­wusst waren, habe ich erst hier festgestellt.
Zu erkennen welche Funktion ein Laden hat oder einen Laden als einen solchen überhaupt wahrzunehmen, die Orientierung in einem schachbrett­artigen, ockerfarbenen Meer und ein unbezwingbares Klima sind ein paar der Stichpunkte, die mir dazu einfallen. Ich hatte nie darüber nachge­dacht, dass neonfarbene Reklametafeln und leuchtende Logos, gewachse­ne statt geplante städtische Räume, gemäßigtes Klima und die Einrichtung meiner Wohnung mein Leben in Deutschland in dem Maße bereichern und erleichtern.
Neue Routinen, neues Gewöhnen und neue Strategien entstehen und pas­sieren aber nicht von heute auf morgen, sondern brauchen Zeit zum Ent­falten, Zeit zum Ausprobieren, Zeit zum Scheitern und Umdenken und Zeit für gegenseitigen Austausch. Dass etwas, was in heimischen „Allta­gen“ in verschiedenen Lebensphasen über Jahre gewachsen ist und einer fortwährenden Adaption unterliegt, kann und braucht hier aber nicht in­nerhalb von Monaten entstehen. Ich probiere, ich scheitere, ich entfalte und denke um und trete aktuell in die Phase ein, in er ich aktiv den Aus­tausch suche.

Global gelernt?
Das „weltwärts“-Programm steht unter der Zielformulierung des globalen Lernens und so möchte ich abschließend dem neu Gelernten und Kennen­gelernten etwas Aufmerksamkeit schenken als nur den einen oder anderen Nebensatz.
So stellt die Grenze zwischen dem Willen und der Bereitschaft zur Anpas­sung und der Unabänderlichkeit der eigenen Persönlichkeit und Identität einen Dreh- und Angelpunkt für Selbsterfahrungen und tägliche Fragestel­lungen dar, die ich mir stelle. Ganz besonders zu reflektieren ist dies ange­sichts der Migrationsthematik, die in letzter Zeit die deutschen Medien be­herrscht. Integration, keine Assimilation sind dabei Stichworte der deut­schen Debatte, deren Bedeutung greifbarer wird.
Sehr zentral für mich ist zudem, dass ich diese neue Perspektive auf die Bedingtheit von Behinderung erhalte, die mir für meinen sonderpädagogi­schen Hintergrund von Nutzen sein kann. Dass eine Behinderung das Er­gebnis ist aus der Wechselwirkung zwischen dinglichen Kontextbedingun­gen, Menschen und ihren Einstellungen, der eigenen Persönlichkeit, Erfah­rungen und erst ganz zuletzt aus einer Diagnose hat sich hier von einer Theorie zu einer Erfahrung gewandelt. Durch ein erstes Hintergrundwissen zum hiesigen System der Unterstützung von und durch Menschen mit Be­hinderung bettet sich diese Erfahrung zusätzlich ein. Insbesondere die In­formationen, die ich über die Förderung sehgeschädigter Menschen erhal­ten habe, weckt Interesse für mehr und weist die Richtung für eine mögliche weitere Beschäftigung.

Herzliche Grüße
Vej
Beeindruckend! Mach weiter so! Ich bin stolz auf Dich!!!
Möhre 11.12.2015 - 16:39 Uhr








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