27.12.2015

„Die Patin Tod“

Ein volkstümliches Märchen aus Mexiko
Abbildung Catrina Tod als Skelettfrau
"La Calavera Catrina" von José Guadalupe Posada (1852-1913)

Liebe Leserinnen und Leser,

in der mexikanischen Kultur gibt es ein Motiv, dass einem immer wieder in unterschiedlichen Darstellungen und zu verschiedenen Anlässen begegnet und das für uns Europäer*innen zunächst befremdlich und bizarr erscheinen mag, wo wir es doch noch immer mit einem Tabu belegen – den Tod.
Im deutschen maskulin, ist das spanische Wort – muerte – feminin, wie auch die mit zahlreichen Namen und Bezeichnungen versehene Personifizierung fast ausschließlich als Frauengestalt vorkommt.
Heute habe ich deshalb ein Beispiel aus der mexikanischen Erzählkultur für Euch. In den letzten Tagen habe ich ein spanischsprachiges Märchen ins Deutsche übersetzt. Ich habe mich dabei um den Gedanken „So wörtlich wie möglich und so frei wie nötig“ bemüht, mich aber mal mehr von der Textvorlage entfernt, wo unsere Sprachen zu unterschiedlich wirken und mal weniger, wenn ich eine bestimmte grammatische oder stilistische Form mit übertragen wollte.
Viel Spaß beim Lesen!

„Die Patin Tod“

1977 lebten meine 4-jährige Tochter Maya und ich in einem mexikanischen Dörfchen mit dem Namen Puerto Escondido, Verborgener Hafen, in Oaxaca. Wir wohnten in einem großen Zimmer aus Beton. Durch unsere Fenster konnten wir den Ozean sehen. Neben uns lebten die Eigentümerin – Kata, die Hausherrin – und ihre Tochter, zwei Söhne, die Schwiegertöchter und sechs Enkel. Sie banden uns in ihren Tagesrhythmus ein. Ich begann mit den Männern zu fischen – nur mit einem Brett, um das ein Bindfaden herumgewickelt war, um die Fische zu fangen – und an den Nachmittagen saß und strickte ich mit den Frauen.
Es war während einer jener Stricknachmittage, dass ich dieses Märchen das erste Mal hörte. Lala, die Tochter Katas, erzählte es mit großer Hingabe, wie sie die Stimmen der verschiedenen Figuren imitierte. Mich begeistert dieses Märchen, weil die Patin Tod so unerbittlich ist.

Es war einmal ein Paar namens Joaquín und María, die in einem kleinen mexikanischen Dorf lebten. Sie waren sehr glücklich, denn nachdem sie viele Jahre versucht hatten, Kinder zu bekommen, war ihnen ein Junge geboren.
Eines Tages sagte Joaquín zu María: „Da unser Sohn etwas ganz Besonderes ist, werde ich einen Paten oder eine Patin für ihn suchen“. So also brach er zu seiner Suche auf. Als er loszog sagte er: „María, ich werde nicht zurückkehren ehe ich die perfekte Person für unseren Sohn gefunden habe“.
Joaquín wanderte auf der Suche nach dem perfekten Paten und nachdem er eine weite Strecke zurückgelegt hatte, erblickte er eine Frau, die sich im näherte. Sie blieb vor ihm stehen. Sie war groß und so dünn wie ein Skelett. Sie beugte sich nah zu ihm hin und flüsterte: „Ich bin der Tod. Man sagte mir, Du seist ein guter Mann und dass Dir gerade ein Sohn geboren wurde. Ich wollte schon immer ein Patenkind haben. Ich will die Patin Deines Sohnes sein“.
Vielleicht sollte ich abwarten, eine andere Person aufzutreiben, dachte Joaquín bei sich. Schließlich ist sie der Tod. Und was, wenn sie meiner Familie oder mir schadet? Wenn ich nein sage, wird sie dann wütend auf mich? Ich will nicht, dass sie wütend wird. Außerdem hat sie uns stets gut behandelt, argumentierte er. Sie sagt, dass es Zeit ist, dass sie ein Patenkind bekommt. Mit Sicherheit wäre mein Sohn ein großartiges Patenkind!
Schließlich sagte er: „Ja. Ich sage zu, weil Sie uns alle gleich behandeln. Sie nehmen die Reichen fort und die Armen, die Hässlichen und die Schönen und Sie kommen zu den Alten ebenso wie zu den Jungen. Sie können die Patin meines Sohnes sein“.
So also nahm Joaquín die Patin Tod mit zu seinem Haus. Joaquín und María gaben ein großes Festessen und tauften ihren Sohn auf den Namen José.
Während José aufwuchs, besuchte ihn die Patin Tod häufig. Eines Tages – José war bereits ein junger Mann – kam die Patin Tod zu Joaquín und María und fragte: „Dürfte ich José in den Wald mitnehmen?“
Sie waren gewillt, José mit seiner Patin gehen zu lassen. So nahm die Patin Tod José tief in den Wald mit. Inmitten des Waldes zeigte sie ihm eine Lichtung mit wunderschönen roten Blumen. Sie hatten die Farbe von Blut und als José sie erblickte, schienen sie zu schlagen wie ein pochendes Herz.
Die Patin Tod sagte: „Mit dieser Blume wirst Du ein berühmter Heiler werden. Ich werde Dich lehren, sie zu nutzen. Aber ich habe eine Warnung: wenn sie Dich rufen, um jemanden zu heilen und Du mich am Fuße des Bettes stehen siehst, gehört dieser Mensch mir! Verstehst Du?“.
„Oh, sehr wohl, Patin“, sagte José.
„Du musst die Blüten stets sehr behutsam vom Stängel abziehen, so“, sagte sie, während sie sich über die Blume beugte, um sie nicht mit den Wurzeln aus dem Boden zu reißen. „Auch musst Du stets ein paar Blüten am Stängel lassen, damit die Blume neue bilden kann“.
Dann nahm sie die Blüten und rieb sie aneinander, bis dass die Blumen ihr die Hände rot färbten. Schließlich tauchte sie ihre Hände in ein Gefäß mit Wasser. Dann wies sie ihn an, sich die Hände mit weiteren Blüten einzureiben und sie einzutauchen. „Deine Hände sind Bestandteil der Heilkunst des Wassers und der Blüten“, sagte sie zu ihm. „Mit diesem Wasser und Deinen Händen kannst Du heilen wen auch immer Du willst“.
José kehrte nach Hause zurück. Immer, wenn jemand im Dorf krank wurde, nahm er die Blüten der Blumen dorthin und tat, was ihm die Patin Tod gezeigt hatte. Eines Tages, als ein Nachbar erkrankt war, brachte José das heilende Wasser zu dem Mann. Während er seine Vorbereitungen traf, sah er die Patin Tod am Fuße des Bettes. Er erinnerte sich an ihre Anweisungen, legte alles zurück und ging. Beim Verlassen lächelte sie ihm zu. Der Nachbar starb später in jener Nacht.
Mit der Zeit sprach die ganze Welt über Josés großes Geschick. Sie kannten ihn als den Wunderheiler.
Eines Tages befahl der König eines weit entfernten Landes ihn herbeizuholen. Der König war sehr krank und es zeigte sich, dass niemand ihn heilen konnte. Als José auf dem Weg zum Gemach des Königs durch den Schlossgarten ging, sah er die Prinzessin Marisol. Sie war genauso wunderschön wie man munkelte. Ihr langes schwarzen Haar reichte ihr bis zur Taille und als sie sich zu José umdrehte, sah dieser die schönen braunen Augen und die anbetungswürdige, zarte Haut. Sogleich verliebte er sich in sie. Nichtsdestotrotz hielt er nicht zum Reden inne, da er wusste, dass ihr Vater, der König, im Sterben lag. Er eilte in Richtung des Königs.
Als José eintraf, sagte der König: „Ich liege im Sterben. Wenn Du es schaffst, mich zu heilen, werde ich Dir mein Königreich geben“.
José konnte nicht glauben, was er hörte. Er dachte, wenn es mir gelingt, den König zu heilen, lässt er mich vielleicht seine schöne Tochter heiraten. Immer schon wollte ich König sein – und die Prinzessin Marisol ist so wunderschön.
Aber als er zum Bett des Königs kam, sah er zu Füßen die Patin Tod stehen, die, die Arme vor der Brust verschränkt, ihn aufmerksam beobachtete. Er erwiderte ihren Blick und dachte dabei: Niemand kann sie sehen, außer mir. Oje, wenn ich den König heile, wird meine Patin auf mich wütend sein. Aber wenn ich ihn nicht heile, werde ich das Königreich verlieren. Ich bin ihr Patenkind,überlegte er. Sie wird mir nichts tun.
So also holte José die heilenden Blüten hervor und kurierte den König. Die Patin Tod sagte nichts. Für einen langen Augenblick schaute sie ihn starr und verärgert an. Er sah sie an, dann ließ er seinen Blick sinken, denn er wusste, dass sie sehr wütend auf ihn war. Die Patin Tod ging davon.
Der König löste sein Versprechen ein und gab José sein Königreich. Die Prinzessin Marisol war voller Freude, dass es ihrem Vater gut ging. Sie begann zu bemerken, dass José ziemlich attraktiv war. Jeden Tag gesellten sie sich zueinander in den Garten und plauderten. Sie entdeckten, dass sie sich beide für Blumen begeisterten. Innerhalb kurzer Zeit kamen sie mit Wonne ihren Treffen zuvor und kurz darauf stellten sie fest, dass sie sehr verliebt waren. Sie heirateten und waren sehr glücklich zusammen. José heilte weiterhin die Menschen und das Volk war glücklich mit seinem König und seiner Königin.
Eines Tages erwachte die Prinzessin Marisol sehr krank, sodass sie das Bett nicht verlassen konnte. Jeden Tag wurde sie schwächer, bis José klar wurde, dass er seine wunderbaren roten Blüten verwenden müsste, um sie zu heilen. Er besorgte das heilende Wasser und ging zum Bett der Prinzessin Marisol. Er war mit der Bereitung des Wassers beschäftigt als er seinen Blick hob und die Patin Tod sah. Er spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Er erinnerte sich, dass er ihr zuvor gegenüber ungehorsam war und wie wütend sie da fortgegangen war.
Oh, was soll ich machen?, dachte José. Wenn ich meine Frau heile, wird meine Patin sehr wütend auf mich sein. Wenn ich sie nicht heile, meinen Schatz, wird meine Frau sterben.Er dachte wieder und wieder darüber nach und schließlich tat er, was er tun musste: Er heilte seine geliebte Frau.
Die Patin Tod sagte nichts. Sie drehte sich nur um und ging davon.
Wenige Tage später war José im Garten und säte die Lieblingsblumen der Prinzessin Marisol, um ihr bei der weiteren Genesung zu helfen. Er hörte jemanden von hinten näher kommen und als er seinen Blick hob, sah er die Patin Tod.
„Halt inne und komm mit mir!“, befahl sie ihm.
José sagte: „Aber ich kann jetzt nicht mit Dir mitgehen, Patin. Ich bin beschäftigt“.
Ohne zu blinzeln stand sie ihm gegenüber mit einem Blick, der ihn verängstigte.
„Komm jetzt mit mir!“, wiederholte sie.
So also folgte er der Patin Tod eine weite Strecke, bis sie zu einer Höhle kamen. Die Höhle war mit Gestrüpp verdeckt, das die Patin Tod zur Seite schob, um eintreten zu können. Die kleine Öffnung führte in einen großen Raum, der voll von Kerzen war – große Kerzen, kleine Kerzen, hohe Kerzen, kurze Kerzen.
„Jede Kerze ist eine Seele“, erklärte sie. „Wenn die Flamme erlischt, stirbt die Seele“. Dann gab sie José eine winzige Kerze. „Diese ist Deine“.
Er betrachtete die Kerze voll Entsetzen und Unglaube. „Aber Patin, ich bin Dein Patenkind. Ich bin ein junger Mann. Ich hab eine Frau“.
Sie sah ihn traurig an und sagte: „Ja, das alles ist wahr. Aber es ist auch wahr, dass Du mir nicht gehorcht hast. Einmal war genug, zwei Male waren zu viel!“
Dann verließ die Patin Tod die Höhle.
José blieb wie hypnotisiert zurück und betrachtete die Kerze. Die Flamme schwankte zwischen brennen und erlöschen. Letztlich erstarb die Flamme. In dem Moment, in dem sie erlosch, starb José.
Man sagt, dass die Patin Tod niemandem mehr lehrte, mit jener roten Blume zu heilen – und dass sie niemals, niemals wieder ein Patenkind hatte.

Märchenliebhaber*innen haben vielleicht festgestellt, dass es auch im deutschsprachigen Raum ein Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm gibt, dessen Grundidee dieselbe ist, „Der Gevatter Tod“. Ich bin selbst erst bei Recherchen zum Thema Tod in deutschen Erzählungen darauf gestoßen und frage mich seitdem, wo diese Idee ihren Ursprung hat, in Europa oder Lateinamerika, finde aber, dass sie für die mexikanische Erzählkultur typischer erscheint.

Mich spricht besonders das Ambivalente dieser Erzählungen an. Während für uns die Personifizierung des Todes etwas Subtil-Bedrohliches an sich hat, sind ebensolche Märchen und die Darstellung und Thematisierung des Todes in Mexiko ein Teil der traditionsreichen Kultur.

Herzliche Grüße
Vej
Schön... schön traurig *schnief*
Möhre 29.12.2015 - 14:40 Uhr
Vielen Dank fuer die Uebersetzung liebe Vera!

Ich finde das Maerchen "schoen" und die Thematik wichtig. Leben und Tod gehoeren zusammen. Der (oder die) Tod ist nicht boese, sondern natuerlich, wenn das Lebensende gekommen ist, gilt es das zu akzeptieren, so schwer das auch ist.
Sofi 29.12.2015 - 02:09 Uhr








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