22.02.2016

Zwischen Mangos und Melanin

2. Zwischenbericht - Halbzeit in Mexiko
Gebärdensprache
Liebe Leserinnen und Leser,

huch, da ist sie wieder vergangen die Zeit. Rebellisches altes Ding! Somit war dieser Tage der zweite Zwischenbericht fällig. Der markiert übrigens auch die Halbzeit hier, ich könnte aber gar nicht sagen, ob die letzten Monate schnell oder kriechend vergangen sind. Es gab beschleunigte Phasen und entschleunigte. Zeiten in denen ich so abgelenkt war, dass ich die Tageswechsel kaum wahrnahm und Zeiten, in denen ich die Stunden zählte. Momente, die sich eingegraben haben in mein Gedächtnis, und Momente, die wie eine Diashow vorbeizogen. Die Zeit ist eine sonderbare alte Dame.

Als ich vor über drei Monaten vor der Aufgabe stand, mein erstes Quartal auf ein paar wenige Seiten zu quetschen, fühlte sich diese Aufgabe wie Treibholz in einem Fluss an. Tausende Eindrücke schwammen umher, keiner schien mehr oder weniger wichtig als der andere zu sein und allesamt waren sie schwer zu fassen. Mir blieb nichts anderes übrig als in wenigen Tagen herunterzuschreiben, was mir in den Sinn kam. Drei Monate weiter kann ich behaupten, dass das Holz inzwischen in ordentlichen Haufen gestapelt liegt, sich quasi in trockenen Tüchern befindet. Ordnung und Struktur wären zwar reichlich starke Wörter, um mein Leben hier zu beschreiben, aber immerhin ließ sich mit dem Treibholz um meinen Alltag, meine Ideen und Erfahrungen ein Zaun, ein erkennbarer Rahmen legen. Der Nachteil an Zäunen ist nur bedauerlicherweise, dass lästige Nachbarn gerne einen neugierigen Blick riskieren und so merke ich noch vor der Halbzeit, wie die deutschen Verpflichtungen zwischen ihren Vorhängen durchlugen und nach mir linsen. Auch ein Ozean und Tortillas können das so räumlich fern und gedanklich nah Liegende nicht negieren. Umso wichtiger erscheint die Aufgabe, das Hier und Jetzt mit dem Baldigen in Einklang zu bringen.

Arbeit und Mitarbeit im Projekt „Ángeles de Amor“
Nachdem im Januar eine Art Stillstand einzusetzen schien, wartet der Februar mit neuen Ideen und Eindrücken auf. Dazu trägt einerseits die hohe Fluktuation der internationalen Freiwilligen bei als auch der strukturelle Rahmen der Organisation und die Bestrebungen zur Professionalisierung, die ich mit großem Interesse verfolge.
Mir wurde in den letzten Wochen umso mehr bewusst, dass der Austausch zwischen Organisation und mir symmetrischer ist als es für ein Voluntariat zu erwarten ist. Ich lerne einerseits etwas über das hiesige System und von den Erfahrungen der Lehrenden und bringe andererseits mein akademisches Wissen so gut ein, wie es die Rahmenbedingungen und Nachfrage erlauben. Durch die ständige Präsenz mehrerer Freiwilliger wird jedoch gerade der letzte Punkt bisweilen erschwert. Zwar wurde mir bereits Raum geboten, eigene Projekte durchzuführen, doch gilt dies in logischer Konsequez für alle Freiwilligen, sodass für die einzelne Person weniger zeitliche Kapazitäten für eigene Ideen zur Verfügung stehen. Dabei wird eine spezielle Unterstützung – etwas, was von der alltäglichen Routine abweicht – mal mehr mal weniger häufig angefragt. Nichtsdestotrotz ist der inhaltliche Spielraum immens. Aus diesem Grund bin ich um eine Spezialisierung auf einen Bereich bemüht, zu dem speziell ich Wissen und meine Fähigkeiten einbringen und so dem allzu großen Leerlauf entgehen kann, der sich leicht einzustellen vermag. Dies bedeutet für mich, dass ich mich mehr auf die Zusammenarbeit mit der blinden jungen Frau, die die Einrichtung regelmäßig besucht, konzentriere, da ich als einzige in der Organisation über professionalisertes Wissen im Bereich der Blinden- und Sehbehindertenpädagogik verfüge. Ich bemühe mich, dieses in Wechselwirkung mit den persönlichen Voraussetzungen und anderen Kontextfaktoren, wie den institutionellen Rahmenbedingungen etc. einzubringen. So unterrichte ich die junge Frau im Weben mit dem Fernziel, dass sie – aus schwierigen ökonomischen Verhältnissen kommend – durch das selbstständige Anfertigen von Webarbeiten und deren Verkauf ihre Familie finanziell einmal unterstützen können wird, mit gleichzeitiger zu erhoffender Auswirkung auf Selbstwertgefühl und dem Erleben von Selbstwirksamkeit. Dabei finde ich es, das sei an dieser Stelle angemerkt, interessant, dass in einem hiesigen Lehrwerk über Handlungshinweise für Eltern und Lehrer*innen mit Kindern mit Behinderung als ein Charakteristikum (!) von Sehschädigung ein defizitäres Selbstwertgefühl angeführt wird (Cardona Echaury et al 2005, 35).
Ein für das Lernziel weiterhin wichtiger Aspekt ist der, des ökonomischen Arbeitens, den ich der Klientin ebenfalls mit der Zeit vermitteln möchte. Damit intendiere ich die langfristige finanzielle Unabhängigkeit des Webprojekts zu erreichen (da die Klientin bisher noch darauf setzt, dass sie das Garn, das sie für ihre Arbeit benötigt, von mir gestellt bekommt). Ziel soll es sein, dass sie mit einer Art Startkapital so wirtschaftet, dass sie aus dem erzielten Gewinn einer Arbeit neues Material einkauft und sich ihre Arbeit so amortisiert.
Ferner habe ich im Rahmen der Zielplanung für die einzelnen chic@s vorgeschlagen, der besagten blinden Klientin Langstockunterricht zu erteilen, da mir aufgefallen ist, dass sie zwar einen Langstock besitzt, diesen aber nicht benutzen kann. Da ich selbst in diesem Bereich nicht ausgebildet bin, wird dies auch für mich eine Herausforderung werden, hoffe aber, dass die Zusammenarbeit für uns beide neue Erkenntnisse bringt.
Ganz aktuell gebe ich der jungen Frau zudem Unterricht in der spanischen Punktschrift, da sie bisher ausschließlich das Alphabet ohne sprachbesondere Zeichen erlernt hat. In dieser Woche gehen wir gemeinsam das Thema Großbuchstaben an.
Eine andere für mich stets reizvolle Arbeit ist das Anfertigen didaktischen Materials, das ich jüngst als Betätigungsfeld für mich entdeckt habe. Ich bemühe mich dabei vor allem durch gründliche Arbeit um ein gewisses Maß an Nachhaltigkeit, damit die chic@s und die Lehrenden möglichst lange etwas davon haben. Ein Grundstock an an der Zielgruppe ausgerichteten Materials ist meiner Erfahrung aus Deutschland nach, ein wichtiger Teil der lehrenden Tätigkeit im Bereich der Sonderpädgogik.

Cardona Echaury, Angélica Leticia; Arambula Godoy, Lourdes Margarita; Vallarta Santos, Gabriela Maria (2005): Estrategias de atención para las diferentes discapacidades. Manual para padres y maestros.

Das kommt mir (nicht mehr) spanisch vor?!
Ob sich mein Spanisch auf einem Plateau eingependelt hat, das lernpsychologisch schwer wieder zu verlassen ist oder meine individuellen Anstrengungen gesunken sind, lässt sich für mich schwer sagen. Leichter hingegen fällt es anzumerken, dass ich nicht das Gefühl habe, noch einen allzu großen Lernsprung machen zu müssen, obschon mir vieles immer noch schwer fällt. Was man mir nun als latente Arroganz auslegen könnte, ist tatsächlich eine reflektierte Erfahrung. Meine Arbeit bei Ángeles de Amor ist nur bedingt sprachlich vermittelt, d.h. was ich von den chic@s wünsche, muss ich in aller Regel kurz, prägnant und gestisch untermalt zum Ausdruck bringen. Mit komplex konstruierten Sätzen käme ich dabei nicht weit. Statt eines "Hättest Du möglicherweise die Güte, Dich zwecks Durchführung eines didaktischen Angebots in eine sitzende Position zu begeben?" bringt mich ein "Setz dich, bitte!" eher ans Ziel. Das für diese alltäglichen Situationen benötigte Repartoir an spanischen Sätzen würde nicht mehr als eine DIN A4-Seite füllen, da die Kommunikation mit den chic@s dieses basale Niveau kaum verlässt.
Anders verhält es sich im Umgang mit anderen Betreuenden, bei denen jedes Mehr an Sprachkompetenz natürlich zu einer besser gelingenden Kommunikation beiträgt. Dies und mein ungebrochenens Interesse am System der Sprache sind die Gründe dafür, dass ich nach wie vor Spanischstunden nehme und diese als Bereicherung erachte.

Behindert sein, behindert werden
Für jemanden wie mich, die ich es in meinem Leben gewohnt war, mich, in Ermangelung ähnlich Situierter, mit Nicht-Behinderten zu vergleichen, werden in einer so sehr anderen Lebenswirklichkeit Grenzen besonders deutlich. Das Erleben von Grenzen aber sehe ich auch als Bereicherung. Denn schon beim Puzzlen haben wir als Kinder gelernt, zuerst mit den Rändern zu beginnen. Wer weiß, was seine unüberwindbaren Grenzen sind, kann lernen, eine andere Richtung einzuschlagen und seine Engerie sinnvoll zu lenken, anstatt von morgens bis abends den Kopf gegen die Mauer zu schlagen und sich abends über Kopfschmerzen zu wundern.
Eine dieser Grenzen ist für mich der Albinismus, obschon es mir lieber ist, von der bösen, bösen UV-Strahlung zu sprechen, denn andernfalls läge das Problem ja bei mir und etwas als defizitär zu betrachten, was ich nicht ändern kann, scheint mir ein Strudel zu sein, in den niemand hineinfallen sollte.
Da derzeit bei Ángeles de Amor temporär und zwecks Errichtung eines Spielplatzes und einer Cafeteria eine Arbeitsverlagerung ins Gelände stattfindet, betätige ich mich stärker im Bereich der Materialerstellung oder dem, was mir jeweils nahe erscheint, um die Zeit nicht völlig unproduktiv verstreichen zu lassen.
In größerem Ausmaße erkenne ich diese Schwierigkeit in der Freizeitgestaltung. Denn auch wenn das Jahr unter dem Banner des Freiwilligenjahrs steht, ist unverkennbar der Aspekt des Reisens, Sehens, Kennenlernens außerhalb der Arbeitszeiten ein wesentlicher Bestandteil des Aufenthalts für alle Freiwilligen. Während ich bei der Arbeit trotz aktuell widerer Umstände die Zeiten positiv nutzen kann, kommt mir jeder Gang vor die Tür risikobehaftet vor. Die UV-Strahlug ist erbarmungslos und die Ergreifung von Schutzmaßnahmen kommt mir vor wie das Werfen von Wasserbomben auf ein Buschfeuer.
Das Ambivalente dabei ist für mich die Frage, ob ich, um mehr vom Land sehen zu können, das in mir so viel Neugierde geweckt hat, diese Risiken in Kauf nehmen oder der Gesundheit wegen ein halbes Jahr in Innenräumen verbringen sollte, um dann später sagen zu müssen, dass ich außerhalb der Stadt eigentlich nichts gesehen habe. Mit einem Halbkreis aus Mangos und Büchern vor mir, wäre meine Option, mir so viel Mexiko wie möglich ins Haus zu holen. Ein Zähneknirschen bleibt bei all den Überlegungen nicht aus.

Global gelernt?
Die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit bzw. ihre Vorgänger haben gezeigt, dass das bloße Übertragen von in einem Land funktionierenden Konzepten auf ein anderes Land nicht erfolgsversrechend sein kann. In abgeschwächter Form und wesentlich individueller zeigt sich dies auch für mich. Denn ein für mich wichtiger Wandel in meinem Denken ist, dass es mir mittlerweile leichter fällt, die von mir überlegten Angebote sonderpädagogisch zu reflektieren und sie gleichzeitig an den gegeben Kontext anzupassen. Die oben beschriebenen Angebote für die blinde Klientin sollen dafür beispielhaft sein. Während das Langstocktrainig eine mehr oder weniger Eins-zu-eins-Übertragung deutscher Blinden- und Sehbehindertenpädagogik ist, erhoffe ich mir, mit dem Webprojekt eine Verwebung (Achtung, Wortspiel) mit den individuellen Lebensbedingungen der jungen Frau unter Berücksichtigung ihrer Sozialisierung zu erreichen. Für mein Jahr hier in Chiapas sehe ich den Vollzug dieses Wandels oder die Flexibilisierung von Denkweisen als einen wichtigen Wegpunkt an.
Mir wird mehr und mehr bewusst, wie wichtig der Gesamtblick auf eine Region ist. Der tägliche Kontakt zu den Menschen, die sprachliche Kompetenz, historisches und politisches Grundwissen und auch das landesspezifische Professionswissen sind wesentliche Aspekte, um Wechselbeziehungen, Zustände und auch Stillstände besser einordnen zu können. Dennoch halte ich es für illusorisch anzunehmen, man könne ein so großes, vielfältiges und vielschichtiges Land wie Mexiko – und anzunehmenderweise ebenso jedes andere Land – wirklich und wahrhaftig begreifen lernen. Es bräuchte mehr als ein Menschenleben, um dem auch nur nahe zu kommen. Wir beobachten, wir lernen, wir bringen uns ein, aber letztlich ist das alles nichts anderes als ein Kratzen an der Oberfläche. Oder, um im anfänglichen Bild zu bleiben, umgeben von haushohen Holzstapeln halten wir ein Streichholz in Händen.

Herzliche Grüße
Vej
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yvsppg 18.05.2017 - 20:34 Uhr
Immer wieder danke dafür, liebe Vera, dass Du uns durch solche Berichte teilhaben läßt an Deinem aktuellen Leben. Das macht immer wieder deutlich, dass Dein Aufenthalt in Mexiko nicht nur das ist, was wir von Dir hören und lesen im provaten Bereich, sondern sehr viel mehr und auch sehr viel umfangreicher, was manch einer von uns wahrscheinlich gar nicht vermutet.
Und jetzt ist schon Halbzeit... Du hast vieles geschafft und wirst auch noch mehr schaffen! Viel Erfolg weiterhin! Ich freu mich für Dich und natürlich auch auf Dich!!!
P.S.: bei den Holzstapeln muss ich an die Paletten aus Deinem Video denken... Meinst Du die??? ;)
Möhre 22.02.2016 - 18:28 Uhr








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