07.04.2016

Heimatgefühle

Ein Wort mit Tiefe
Liebe Leserinnen und Leser,

das Wort „Heimat“ gehört zu den deutschen Begriffen, deren Bedeutung nur schwerlich in andere Sprachen transportierbar ist, weil sein Bedeutungsspektrum so voller Vielfalt und Nuancenreichtum steckt, dass es eine Vielzahl von Wörtern und Umschreibungen bräuchte, um seine verschlungenen Ebenen und Facetten wenigstens annäherungsweise zum Ausdruck bringen zu können.

Ich komme zu diesem Thema, weil ich, wann immer ich durch die Straßen schlendere, an meinem Getränk nippend aus einem Café hinausblicke, die Berge am Horizont betrachte, etwas dazu lerne oder etwas Neues entdecke, daran denken muss, dass all das, was für mich und viele andere so „touristisch reizvoll“ erscheint (denn machen wir uns nichts vor, auch Freiwillige sind Touristen), an dem ich mich mal sofort und gelegentlich nie satt sehen kann, was mir so viele Rätsel aufgibt und für mich zuweilen völlig unzugänglich bleiben wird, die Heimat so vieler Menschen ist. Da denke ich zwangsläufig an meine eigene Heimat, die ich in manchen Augenblicken so schmerzlich vermisse als ein diffuses Gefühl der Entbehrung, obwohl ich sie doch auch immer ein Stück weit bei und in mir trage und obwohl ich längst gänzlich hier angekommen bin.

Im einem Moment denke ich, dass die Unterschiede zwischen „den Mexikaner*innen“ und „den Deutschen“ konstruiert sein müssen und dann frage ich mich, ob und wie uns unsere Heimat denn tatsächlich zu prägen vermag und wie sie lenkt, in was für eine Person wir uns entwickeln.

Also habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich Heimat? Was ist sie für mich und was verbirgt sich alles unter der Oberfläche dieser Aneinanderreihung von sechs Buchstaben und sechs Lauten?

Hier sind für Euch meine Ideen und Assoziationen:

Heimat ist...
… Kindheits- und Jugenderinnerungen mit einem Ort verbinden.
… sich an einem Ort auskennen.
… sich an einem bestimmten Ort zurechtfinden.
… Geheimtipps kennen.
… Insider sein.
… ein soziales Netz haben.
… sich der Geschichte eines Ortes gewahr sein.
… Liebe.
… Sehnsucht.
… Patriotismus.
… Identität.
… Brauchtum.
… Stolz.
… der Drang, zurückzukehren.
… sprachliche Feinheit.
… etwas, was man jederzeit mit sich trägt.
… unteilbar.
… ein Anker.
… der Ort Deiner Wurzeln oder der Keim neuer.
… immerzu fern und nah.
… ein unverstellter Blick in den Himmel.
… Romantik.
… Rückenwind.
… Herzenswärme.
… Melancholie.
… Seelenfrieden.
… der Ort, an den Du nicht reist, sondern an den Du zurückkehrst.
… zu Hause.
… Familie
… ankommen.
… ein Teil von Dir.
… Ausgeglichenheit.
… Freundschaft.
… das Fehlen von Rätselhaftigkeit.
… der Einklang von Widersprüchen.
… Sein.
… aufgefangen werden.
… Zugehörigkeit.
… ein Licht in der Dunkelheit.
… ganz Du selbst sein.
… der Maßstab, an dem Du alle anderen Orte misst.
… leben und sterben.
… Glückseligkeit.
… mal ein Ort und mal ein Gefühl.
… das andere Ende eines unsichtbaren Bandes.
… ein Bündel unverkennbarer Gerüche.
… mehr einzuatmen als bloße Luft.
… Kulinarik.
… mit allen Sinnen begreifbar.
… Geborgenheit.
… den Durchblick zu haben.
… Regionalität.
… ein Motiv für Poesie.
… ein ganz bestimmtes Lächeln im Gesicht zu haben.
… die Selbstverständlichkeit jeder Deiner Bewegungen.
… über diese nicht nachzudenken oder nicht nachdenken zu brauchen.
… erst dann erfahrbar, wenn man ihr fern ist.
… angepasst sein ohne Dir dessen bewusst zu sein.
… Wehmut.
… immer wieder anzukommen.

Wie schön es ist, eine Heimat zu haben und wie schmerzlich, wenn nicht!

Wer würde da nicht sofort an die andere Seite denken müssen, die von der Abwesenheit so vieler der vorgenannten Dinge; die Seite der Vertriebenen und der Flüchtlinge, die zu tausenden ihre Heimaten verlassen mussten. In der Vergangenheit und noch heute. Kritische Geister mögen dabei auch an andere Beweggründe denken, wie ökonomische oder die daraus resultierende Form der Migration gar nicht erst hinterfragen, und vergessen dabei, dass den Menschen durch Krieg, Verfolgung und Terror vor allem ihre Heimat genommen wurde und wird und damit ein Teil von ihnen selbst, das möglicherweise ein Leben lang ein Gefühl von Deprivation hinterlässt.
Meine Liste ist nicht vollständig, denn ich maße mich nicht an, zu behaupten, die Gesamtheit des Begriffsinns zu kennen und in Worte kleiden zu können, aber sie bietet einen Überblick über das, was Heimat für einen Menschen bedeuten kann.

Was ist Heimat für Euch? Geht Euer Verständnis gar in eine völlig andere Richtung? Fehlt ein wertvoller Aspekt? Oder könnt Ihr Euch mit dem oben Genannten identifizieren?

Heimat, die Magie eines Wortes.

Herzliche Grüße
Vej
Das hast Du schon ziemlich gut getroffen... mit der Liste.
Im Zuge meines WEs könnte mir da noch was zu einfallen. Ich werde es Dir mitteilen!
Danke für diesen Artikel!!!
:-*
Möhre 08.04.2016 - 14:38 Uhr








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