16.11.2014

Asexualität und Gesellschaft

Wie Menschen außen vor gelassen werden
Referentin Vortrag Asexualität
Haben Sie schon einmal einen Fragebogen ausgefüllt, der nach Ihrer sexuellen Orientierung fragte? Zugegeben: Oft ergibt sich diese Gelegenheit nicht. Kommt es aber vor, haben Sie in der Regel folgende Auswahlmöglichkeiten: heterosexuell, homosexuell, bisexuell. Die meisten von Ihnen werden sich selbst auf Anhieb verorten können und in dem Moment, in dem wir Menschen unsere persönliche Nische und das Gros dessen, was wir kennen, beachtet finden, endet meist unsere Beschäftigung mit dem übergeordneten Thema.

Am Mittwoch habe ich die Gelegenheit ergriffen, meinen Blick weiter zu fassen. Die Gruppe "LeBiQ", eine Gruppierung der lesbischen, bisexuellen und queeren Studentinnen der TU Dortmund, hielt einen Vortrag zum Thema soziale Identiät und Asexualität.

Die Referentin war so freundlich mir das Knipsen und Veröffentlichen eines Fotos zu erlauben. Sie sehen sie oben auf dem Bild. Neben ihr erkennen Sie eine Powerpoint-Folie, auf der eine gestreifte Flagge in den Farben Schwarz, Grau, Weiß und Lila abgebildet ist.

Eine in Regenbogenfarben gestreifte Flagge als Symbol für Homosexualität und den selbstbewussten und stolzen Umgang mit der eigenen sexuellen Identität ist vielen Menschen bereits geläufig. Die oben abgebildete Flagge hingegen ist bisher weniger bekannt. Sie steht für die Asexualität und symbolisiert, analog zur Regenbogenflagge für homosexuelle Menschen, das Selbstbewusstsein asexueller Menschen im Sinne von asexual pride oder ace pride.

Auf dieser Flagge im obigen Bild prangt eine Frage, der ich meinen heutigen Artikel widmen möchte:
"If sex without love exists why can't people understand that love without sex exists too?"
(etwa "Wenn es Sex ohne Liebe gibt, wieso können Menschen nicht begreifen, dass es auch Liebe ohne Sex gibt?")

Mit den folgenden Leitfragen möchte ich der Frage auf den Grund gehen:

Was ist überhaupt Asexualität?
Ein Mensch, der sich selbst als asexuell bezeichnet, drückt damit aus, dass er keine sexuelle Anziehung verspürt, unabhängig vom Gegenüber.
Enorm wichtig ist dabei, dass ihre Ursache nicht in religiösen Gründen, Libidoverlust durch Krankheit, Medikamente oder Alter, freiwillige oder zwanghafte Enthaltsamkeit, das Fehlen eines Partners oder einer Partnerin oder sozialen Ängsten zu finden ist.
Die aufgeführten Zuschreibungen können ihrerseits die sexuelle Attraktion zwar beeinflussen, stehen dem Verständnis von Asexualität jedoch konträr gegenüber.
Ein asexueller Mensch ist weder krank noch gehemmt. Asexualität ist ferner keine Entscheidung, die jemand bewusst trifft. Ob jemand asexuell ist oder nicht, kann, wie auch bei Hetero-, Homo- und Bisexualität, nur er selbst für sich feststellen.

Ist Asexualität eine sexuelle Orientierung?
Diese Frage zu beantworten ist schon etwas schwieirger. Wie die einleitende Frage nach dem Fragebogen pointieren sollte, lässt die übliche Dreiteilung der sexuellen Orientierungen einige Menschen außen vor. Da Asexualität gewissermaßen als die Negierung von Sexualität betrachtet werden könnte, eine sexuelle Orientierung aber als das sexuelle Bezogensein auf ein Geschlecht definiert werden kann, gibt es Überlegungen, dass Asexualität aus der Kategorisierung heraus fällt. Das Problem dabei ist jedoch, dass die Wissenschaft professionsbedingt von Mustern, Begriffen, und Katgeorien spricht, aber nicht vom einzelnen Menschen. Wer die asexuelle Orientierung ausschließt, schließt damit die vielen Menschen aus, die sich selbst so in ihrer sexuellen und sozialen Identität wahrnehmen und definieren. Im Sinne einer Gesellschaft für alle darf dieser Ausschluss jedoch nicht gelebte Praxis sein. Im weiteren Text gehe ich daher davon aus, Asexualität als eigenständige sexuelle Orientierung zu betrachten.

Wie stehen Asexualität und Romantik zueinander?
Plakativer wird die Frage, wenn man sie so stellt: Können asexuelle Menschen lieben? Ja, das können sie. Es kann natürlich vorkommen, dass ein Mensch keine emotionalen Bindungen aufbauen kann, doch steht dies nicht zwangsläufig im Zusammenhang mit Asexualität.
Die Frage zielt auf eine wichtige Unterscheidung ab. Keine sexuelle Anziehung zu empfinden bedeutet nicht gleichzeitig, auch keine romantischen oder freundschaftlichen Gefühle zu entwickeln. Es gibt zwar asexuelle Menschen, die keine romantischen Beziehungen eingehen, doch wird hier zur näheren Differenzierung die Bezeichnung aromantisch verwendet. Eine Person kann demnach sowohl asexuell als auch z.B. heteroromantisch sein.
An dieser Stelle muss aber unbedingt erwähnt werden, dass jene erweiternden Bezeichnungen nur einen Ausschnitt aus der Summe der näher beschreibenen und unterscheidenden Begriffe darstellen.

Woher weiß man, dass man asexuell ist?
Wie oben einmal kurz angedeutet, ist die eigene asexuelle Orientierung kein objektives Wissen. So wie auch andere Menschen ihre sexuelle Orientierung mehr oder weniger geradlinig oder über Umschweife selbst entdecken müssen, ist es auch für einen asexuellen Menschen möglicherweise ein Prozess.
Da der Begriff der Asexualität noch nicht so populär wie der anderer Orientierungen ist, ist es durchaus möglich, dass asexuelle Menschen ihre eigenen Empfindungen und Neigungen nicht zuordnen können. Sie wissen nur, dass sie in das gängige Schema nicht hineinpassen. Daher ist es gut, wenn die Asexualität stärker in das Bewusstsein der Gesellschaft rückt.

Wie ist das Leben für einen asexuellen Menschen in unserer Gesellschaft?
Diese Frage schien mir persönlich einer Erwähnung besonders wert, obwohl sie keine der typischen Fragen zum Thema ist. Mir ist sie ins Bewusstsein gerückt, als ich vor dem Vortrag am Mittwoch einige Gedanken zum Referatsthema gesammelt habe. Der Bezug des Themas Asexualität auf die soziale Identität, wie er im Titel des Vortrags gezogen wird, war dabei der Initialimpuls, der eine ganze Reihe an Überlegungen mit sich brachte.

Vor wenigen Woche, als ich nach Hause kam, fand ich am Knauf meiner Wohnungstür ein Türhängeschild vor, wie man es von den "do not disturb"-Schildern in Hotels kennt. Da meine Tür nicht die einzige war, war klar, dass es sich um Werbung handeln müsste. Die Vorderseite des Schildes war einfarbig rot. In der Mitte stand in weißer Schrift "Ich tu's", unten am Rand außerdem die Frage "du nicht?". Auf der Rückseite waren Banner, Adresse, Kurzinfo und ein QR-Code eines Spendenzentrums abgebildet.

Einen Tag später lag in meinem Briefkasten eine Werbepostkarte für eine Art Informationswebsite für lokale Events. Auf der Vorderseite stand der Spruch "Hol's dir runter!".

Derlei eindeutige Werbung sind für die meisten von uns weder ungewöhnlich noch besonders störend. Sie zeigt aber, wie selbstverständlich sexualisiert unser Alltag bisweilen ist oder sein kann. Eine Person, die von der Sexualität als einen Aspekt des menschlichen Daseins nicht angesprochen wird, steht in diesem gesellschaftsüberspannenden Bereich außen vor. Dies an sich muss nichts Negatives sein, verdeutlicht aber, wie asexuelle Menschen unter dem Druck der Partizipation stehen können und wie Reaktionen auf ihre ablehnende Haltung vorstellbar sind.

So kommt es vor, dass asexuelle Menschen mit vielen kritischen und provoanten Frage konfrontiert werden, die u.U. geneigt sind, sie in ihrer Identität herabzuwürdigen.
Woher weißt Du, dass Dir Sex nicht gefällt, wenn Du es nie ausprobiert hast?
So eine Frage kann dem Zweck der Provokation dienen, aber auch einfach aus einem Unverständnis heraus resultieren. Für die meisten Menschen ist ein Sexualleben ein wichtiger und selbstverständlicher Teil ihres Lebens. In jeder Generation sind für viele Jugendliche ind er Pubertät erste sexuelle Erfahrungen ein großes Thema. Dass es Personen gibt, die sich dort ausklinken, ist für einige Menschen erst einmal nicht begreifbar.
Asexuelle Menschen verwenden an dieser Stelle Analogien, um ihr Empfinden anderen zu verdeutlichen. Die Referentin des Vortrags beschrieb es in etwa so: "Wenn ich ein Gericht vor mir habe, dass unangenehm riecht, eklig aussieht und eine unappetitliche Konsistenz hat, dann muss ich es nicht probieren, um zu wissen, dass es mich abstößt".

Ist Asexualität nicht unnatürlich?
Eine weitere, für asexuelle Menschen sicher schmerzliche Frage, wird in diesem, aber auch anderen Zusammenhängen (z.B. bezogen auf Homosexualität oder Veganismus) immer mal wieder gestellt. Da mir persönlich der Begriff der Natürlichkeit in solchen Kontexten aufstößt, möchte ich abschließend ein paar Gedanken dazu anregen.

Genauso wie Heterosexualität, Homosexualität oder Bisexualität selbstverständliche Erscheinungsformen sexueller Orientierungen sind, ist auch die Asexualität nichts, was außerhalb der Natur steht.
An dieser Stelle wird vielfach das Arguemnt der menschlichen Reproduktion herangezogen, die alle Orientierungen, außer die Heterosexualität, vom Normalitätsempfinden ausschließt. Es ist klar, dass ohne Sexualität die menschliche Spezies nicht mehr existieren würde. Doch halten Sie an dieser Stelle einen Moment inne und überlegen Sie, wie viele Menschen Sie in Ihrem Umfeld kennen, die erwachsen und reproduktionsfähig, aber kinderlos sind. Wenn es Ihnen so geht wie mir, dann fallen Ihnen ad hoc mehrere Namen ein, auf die dies zutrifft. Wieso also wird eine menschliche Fähigkeit - die zur Reproduktion - als ein so vehementes Argument herangezogen, wenn es gleichzeitig so viele Menschen gibt, die trotz ihres Alters und ihrer Fruchtbarkeit von dieser Fähigkeit keinen Gebrauch machen, ohne dass dies sozial geächtet würde? Nicht umsonst klagt die Regierung über die niedrige Geburtenrate.
Mit anderem Schwerpunkt lässt sich auf die Frage mit Gegenfragen antworten: Sind bunt gefärbte Frühstücksflocken natürlich? Sind teure Markenkleidung natürlich? Sind Smartphones natürlich? Ein unübersehbares Merkmal unserer Gesellschaft ist die Tatsache, dass ehemals natürliche Vorgänge oder Gegebenheiten kulturell überprägt wurden. Wir essen selbstverständlich industriell aufbereitete Nahrung, tragen Kleidung, mit der wir uns ausdrücken, und nutzen elektronische Kommunikationsmittel. Selbst die Sexualität an sich ist längst nicht mehr nur natürlich, sondern zum Fokus von verschiedenen Industrien geworden.

Letztlich sollten wir dabei alle eine Sache nicht vergessen. Es kommt nicht darauf an, dass wir unsere Mitmenschen immer voll und ganz verstehen und ihr Denken, Handeln und Fühlen nachvollziehen können, sondern dass wir sie in ihrer Individualität wahr- und ernstnehmen und ihnen unseren Respekt entgegenbringen.

Herzliche Grüße
Vej

Dieser Artikel soll Ihnen einen Einblick in das facettenreiche Thema der Asexualität verschaffen. Da der Komplex sehr vielfältig ist, ist eine vollständige Darstellung aller Aspekte und Perspektiven leider nicht möglich. Sollten Sie ein vertieftes Interesse entwickelt haben, empfehle ich Ihnen einen Blick in die nachfolgenden Links zum Thema.


Links zum Weiterlesen:
LeBiQ

Asexual Awareness Week

Asexual Visibility and Education Network
Wenn frau älter wird, wird Sexualität oft nebensächlicher, weil Hormone schwinden. Ich lebe das und empfinde das nicht als Verlust, aber als eine grosse, eine riesengrosse Befreiung: mein Kopf und Bauch sind da für andere Formen von Liebe: mit meinen Freunden, Patienten, eine weitere Liebe. Ich erkenne, wie Sexualität mich versklavt hat, weil das Leben eben Sex und Nachwuchs will, ob frau selbst nun eigentlich will oder nicht.....
Kiki Suarez 01.03.2016 - 16:16 Uhr
Ich bin diejenige, die den Vortrag über Asexualität gehalten hat. Wenn jemand diesen Kommentar von mir hier liest und gerne weitere Informationen über Asexualität, auch aus Sicht einer Betroffenen, haben möchte, soll er/sie mit Vera Kontakt aufnehmen und sie um meine E-Mailadresse bitten. Vielen Dank! :-)
Vicky R.-K. 08.02.2015 - 11:23 Uhr
Ein schöner Artikel. Ich habe mir erlaubt, ihn in mein Literaturverzeichnis über Asexualität aufzunehmen. Ich hoffe, das geht in Ordnung. Auch ich lasse einen Link zu diesem Verzeichnis hier. Sorry, wenn es wie Werbung aussieht.
https://asexyde.wordpress.com/webseiten-uber-asexualitat/
Mandelbroetchen 30.01.2015 - 22:22 Uhr
Guter Artikel und es muss auch ein guter Vortrag gewesen sein.
Da zum Thema Asexualität nur englischsprachige Seiten verlinkt sind, spamme ich mal ein bisschen rum und verweise auf unseren deutschen Verein zur Sichtbarmachung von Asexualität: http://aktivista.asex-web.de/
Fiammetta de Bornelh 28.01.2015 - 18:19 Uhr








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