22.07.2015

Der Ball ist rund …und hat Rasseln

Blindenfußball in Deutschland
Blinden-Fussballspiel
Liebe Leserinnen und Leser,

letztes Wochenende habe ich zur erfrischenden Abwechslung mal ein sportliches Event besucht. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass es mir Anlass für einen neuen Beitrag in der Kategorie SICHTverhältnisse bieten würde. Nicht, weil es sich lediglich als ein erzählenswertes Thema zeigte, sondern weil es in mir ein ungekanntes Interesse geweckt hat.
Eine Freundin lud mich zum 3. Bundesligaspieltag des Blindenfußballs ein. Das Sportereignis wurde in Dortmund ausgetragen und zeigte unter anderem das Revierderby ISC Viktoria Dortmund-Kirchderne vs. Schalke 04. Auf dem obigen Foto zu sehen ist eine Momentaufnahme aus dem Spielverlauf, in dem der ballführende Dortmunder Spieler von einem Schalker angegriffen wird. Das Besondere am Blindenfußball ist, dass für den Verlauf des Spiels der Sehsinn eine untergeordnete Rolle spielt und stattdessen die Spielerinnen und Spieler sich auf ihren Hörsinn verlassen. Daher unterscheidet sich der Blindenfußball vom Sehendenfußball durch Abläufe, Regeln und Bedingungen, die eine auditive Spielweise ermöglichen und so letztlich eine völlig eigene Variante des Fußballs bilden. Wer dabei eine gute Leistung darbringen will, braucht neben einem feinen Gehör, viel Kraft, einen guten Orientierungssinn, ein ausgeprägtes Koordinations- und Reaktionsvermögen, Teamplay, Körperbeherrschung und Intuition. Um zu zeigen, wie das Ganze funktioniert, ist mein heutiger Beitrag ganz dem Sport des rasselnden Leders gewidmet!

Spielfeld und Ball
Das Spielfeld beim Blindenfußball ist mit einer Abmessung von ca. 20m x 40m wesentlich kleiner als ein Sehendenfußballfeld. Mittig auf dem Feld befindet sich ein Kreis von 6m Durchmesser, in dessen Zentrum der Anstoß stattfindet. Durchzogen wird dieser von einer Mittellinie, die das Feld in zwei Hälften teilt. An das 2m hohe und 3m breite Tor grenzt der mit 5m x 2m der Torraum an. Hinter dem Tor muss ein hindernisfreier Raum für den Guide vorhanden sein. Vor dem Torraum befindet sich wie beim Sehendenfußball ein Strafraum. 6m senkrecht von der Mitte der Torlinie aus gesehen, befindet sich die Strafstoßmarke, dem einzigen Punkt von dem Strafstöße ausgeführt werden dürfen; 2 weitere Meter dahinter liegt die 8-Meter-Marke für Freistöße.
10m (nach neuen Regeln 12m) vom Torraum entfernt teilen je eine (gestrichelte) Linie das Feld in drei sogenannte Ruferzonen.
Die Längsseiten des Feldes werden von stabilen Banden begrenzt, die zur Spielfeldseite hin eine durchgehend glatte Oberfläche aufweisen. Diese dienen den Spieler*innen zur Orientierung und werden aktiv in das Spiel mit einbezogen. Ein Aus an den Seiten und damit Einwürfe gibt es nicht.
Der Spielball ist kleiner und schwerer als beim Sehendenfußball, wobei das höhere Gewicht ein flacheres Spiel ermöglicht. Kopfbälle gehören daher nicht zum Spielverlauf. In den Ball sind Rasseln eingenäht, die beim Rollen den Spieler*innen durch akustische Reize seine Position anzeigen. Kommt der Ball zum Stillstand, kann ein Schiri durch einen Druck auf diesen einen akustischen Impuls zur Orientierung geben.

Teams, Spielpositionen und weitere Beteiligte
Beim Blindenfußball treten zwei fünfköpfige Teams gegeneinander an, die sich aus je vier Feldspielern*innen, und einem*r Torwart*in zusammensetzen. Feldspieler*innen sind dabei prizipiell vollblinde Personen, wobei durch Dunkelbrillen Unterschiede im Sehvermögen ausgeglichen werden. Die einzige Position, die von einer sehbehinderten oder vollsehenden Person gespielt wird, ist der Torwart bzw. die Torwartin. Dadurch können sowohl sehende als auch blinde Menschen gemeinsam am Spiel teilnehmen. Der/die Torwart*in darf während des gesamten Spiels den kleinen Torraum nicht verlassen. Anders als im Sehendenfußball können die Teams sowohl geschlechterhomogen als auch -gemischt zusammengesetzt sein. Neben ihren, dem beim Fußballsport üblichen, Trikots und Schienbeinschonern und den erwähnten Dunkelbrillen, tragen alle Spieler*innen zusätzlich einen Kopfschutz, der je nach Ausführung an ein dick gepolstertes Stirnband erinnert.
Zusätzlich zu den Spieler*innen stellt jedes Team einen Torguide, der hinter dem gegnerischen Tor im Ruferraum steht und sehend Hinweise für die teameigenen Spieler*innen ruft. Zwei Seitenrufer*innen stehen außerdem an den Längsseiten des Spielfeldes.
Anders als beim Sehendenfußball befinden sich während des Spiels zwei Schiris auf dem Feld. Ein dritter steht außerhalb und fungiert als Zeitnehmer*in, nimmt Timeout- und Einwechselwünsche entgegen und gibt diese über eine Lautsprechanlage akustisch an die Anwesenden weiter.

Spielgeschehen, Regeln und Zuschauer*innen
Die Spielzeit beträgt 2 x 25 Minuten. Um einen guten Spielfluss und Orientierung zu bieten, nehmen akustische Signale eine wesentliche Bedeutung im Spiel ein. Diese werden zum einen durch den Ball selbst, aber vor allem durch die vier Rufer*innen gegeben. Dabei dürfen diese nur dann aktiv werden, wenn sich der Ball in der jeweiligen Rufzone befindet. Die Torguides sind dabei für die jeweilige Außenzone zuständig, in der sie sich selbst befinden, die Seitenrufer für die mittig liegende Zone. Da die Torguides jeweils hinter dem Tor des gegnerischen Teams postiert sind, ist es ihre Aufgabe den eigenen Spieler*innen Hinweise für einen gelingenden Angriff zu geben. Ein weiteres wesentliches Signal geht von den Spieler*innen selbst aus. Diese müssen, wenn sie sich in Ballnähe befinden, wie z.B. beim Angriff, das spanische Wort „Voy“ rufen, was so viel bedeutet, wie „ich komme“. Ein fehlendes Voy ist ein Regelverstoß und wird vom Schiedsrichter als Foul gepfiffen.
Weitere akustische Signale werden durch die Kommunikation von den Spieler*innen untereinander gegeben, um z.B. erkenntlich zu machen, dass sie für einen Pass frei stehen, vom/von der Trainer*in am Spielfeldrand, der/die den Angriff unterstützt und vom/von der Torhüter*in, der/die die Abwehr mit Hinweisen koordiniert.
Um die akustischen Signale nicht zu übertönen, sind die Zuschauer*innen angewiesen, von Rufen und Jubeln während des Spiels abzusehen. Anders natürlich, wenn gerade ein Tor gefallen ist. Der Schiri wird gegebenenfalls das Publikum zur Ruhe ermahnen, wenn er den reibungslosen Spielablauf als bedroht sieht. Er wird die Zuschauer*innen auch anweisen, Abstand zu den Banden zu halten, da die Spieler*innen diese sowohl als Handlauf zur Orientierung nutzen als auch im Ballgerangel mit den Armen über diese ausholen.
Im Blindenfußball gibt es kein Abseits, aber wie beim Sehendenfußball ebenso Gelbe und Rote Karten, Eckbälle und Fouls. Bei letzterem wird dabei zwischen persönlichen Fouls und Teamfouls unterschieden. Nach dem fünften persönlichen Foul wird ein Spieler des Platzes verwiesen, darf jedoch durch das Team ersetzt werden.
Da den Spielen immer Kommentatoren*innen beiwohnen, können die Anwesenden dem Verlauf über Kopfhörer oder zu Hause über das Internet verfolgen.

Geschichte
Der Ursprung des Sports liegt in Lateinamerika, wodurch sich das für das Spiel so bedeutsame spanische Wort Voy erklären lässt. Während der Blindensport bereits vor Jahrzehnten seinen Sprung in verschiedene europäische Länder geschafft hat und in Ländern wie Spanien und England bereits als eigene Sportart etabliert ist, begann die Verbreitung bei uns erst 2006 mit der Veranstaltung des ersten internationalen Blindenfußballturniers, des International Blind Challenge Cup (IBCC), in Deutschland. 2008 folgte die Gründung der Blindenfußball-Bundesliga (DBFL), die derzeit aus neun Mannschaften gebildet wird:

  • BFW/VSV Würzburg

  • Chemnitzer FC

  • FC Schalke 04

  • FC St. Pauli von 1910

  • ISC Viktoria Dortmund-Kirchderne

  • MTV Stuttgart 1843

  • SF Blau-Gelb Blista Marburg

  • Spielgemeinschaft SG Braunschweig/LFC Berlin

  • PSV Köln


Amtierender Meister ist derzeit der Stuttgarter Verein. Ob er seinen Titel verteidigen kann oder sich eine andere Mannschaft an die Spitze kickt, könnt Ihr auf den Internetseiten der Liga nachlesen oder an den Spieltagen vor Ort mit eigenen Augen oder Ohren beobachten. Der Eintritt zu den Bundesligaspielen ist stets frei. Die Internetseite der Blindenfußball-Bundesliga und weitere spannende Links zum Weiterlesen gibt es am Ende des Artikels.

Und wem es nun unter den Nägeln brennt: die beiden Teams vom Eröffnungsfoto trennten sich 0:0 unentschieden.

Herzliche Grüße
Vej


Links zum Weiterlesen:
Blindenfußball-Bundesliga

DVBS-Seiten zum Blindenfußball

Vereinsseite des ISC Viktoria Dortmund-Kirchderne
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mphcitpgqcv 01.12.2017 - 23:06 Uhr
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iqojwvvfkpl 03.04.2017 - 09:41 Uhr
... Und wo ich schon mal dabei bin, hier alle möglichen Kommentare zu hinterlassen: Ich habe eine kurze Frage. Warum tauchen in der Übersicht "Meist besuchte Artikel" nur die ersten fünf Blogartikel auf und die übrigen drei gar nicht? Das verstehe ich nicht. Mich würde nämlich auch interessieren, wie oft die neueren Artikel aufgerufen wurden, im Vergleich zu den älteren.
Vicky R.-K. 14.08.2015 - 21:03 Uhr
Über meine totale Ablehnung von Schreibweisen wie "Spieler*innen" habe ich mich bereits am 24.7. lang und breit geäußert, deswegen möchte ich jetzt darauf verzichten, aber ansonsten finde ich diesen Artikel super! Ich wollte schon immer mal derartig detailliert und umfassend über Blindenfußball informiert werden! :-D Hast du super gemacht! :-* Ich bekomme gerade Lust darauf, dieses faszinierende Spiel mal auszuprobieren! (Ich kann aber noch nicht mal Sehendenfußball spielen... Schade *LOL*)
Magst du vielleicht auch mal in deinem Blog Werbung für den Blinden- und Sehbehindertensportverein Dortmund e.V. (BSSV) machen, in dem ich Mitglied bin? Das wäre echt cool. :-)
Vicky R.-K. 14.08.2015 - 20:53 Uhr








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